SANFTE VERNICHTUNG

Unbeholfene Meditationen zu einer traumatischen Videoinstallation
Auf einem Endlos-Video sieht man, zurückschaudernd aber auch voyeuristisch fasziniert, wie eine Schlange immer wieder ein Mäusebaby auffrisst. Ein sinnloser Akt biologisch-blinder Grausamkeit? Schon wenn man ihn näher und genauer zu beschreiben versucht, wird man unsicher: nicht nur, daß Tiere ja gar nicht »grausam« sein können, schon »fressen« ist eigentlich hier nicht die richtige Vokabel. Die Schlange, die man zuerst still neben dem neugeborenen Mäuschen liegen sieht, das gerade zaghaft zu strampeln beginnt, hat nur einen einzigen und ganz kurzen eindeutig aggressiven Moment; nachdem die blinde Maus, suchend herumtappend, mit ihr zusammengestoßen ist, war sie erst einmal zurückgezuckt: erst danach gibt es eine blitzschnelle, kaum wahrnehmbare zuschnappende Angriffsaktion und sie hat das Tier im Maul. Alles was dann passiert, ist der langwierige, offenbar mühsame und versuchsweise beinahe »liebevoll« zu nennende Versuch, das bis zum Schluß unbeholfen zappelnde Tier sich so im Maul zurechtzuschieben, daß es zuletzt mit der Schnauze von vorn gefaßt wird und vorsichtig und bedächtig, Stückchen für Stückchen in dem weit geöffneten Rachen, den Schwanz zuletzt, verschwindet. Die Maus wird ohne jegliches Blutvergießen, bei lebendigem Leib, ruhig und systematisch »einverleibt«: nie war das weniger metaphorisch.
Was ist das? Was soll das? Ist das unappetitliche Gewaltpornographie, diesmal auf animalisch? Wie gesagt, Gewalt und Grausamkeit sind hier keine zutreffenden Kategorien. Diese naheliegenden Assoziationen werden durch die Langsamkeit, Langwierigkeit und »Sanftheit« der Prozedur konterkariert und erweisen sich auch dadurch als unzulässige Projektionen. Das gegen die eigene allzumenschliche Neigung zu realisieren, hieße evtl., den »Sinnraum« der Darstellung wieder frei zu machen für »metaphorische« und »symbolische« Interpretationen. Dann wäre die Einverleibung lesbar. Lesbar als was? Nun, zum Beispiel als sich selbst setzender und selbst negierender hermaphroditischer Vollzug: die Schlange emanzipiert sich von ihrem traditionellen Status als Phallus-Symbol und begeht einen umgekehrten Penetrationsakt. Sie »läßt sich penetrieren«. Aber auch diese neue »Weiblichkeit« wird zurückgenommen, weil derselbe Akt eine Geburt negiert: das kaum Geborene, hilflos nach seiner Mutter umhersuchend, muß wieder in die Gebärmutter zurück. Die Schlange, die Verführerin, die für Heilung und für Wissen steht, annulliert die Dualität der Geschlechtlichkeit und nimmt immer wieder – vorsichtig, liebevoll: eine »mütterliche« Anti-Mutter – das »Leben« in sich zurück. Die Schlange hat keinen, sie ist nur Bauch, nur Verschlingung, Annullierung, Aufhebung (ein nach innen gestülpter Phallus). Die Schlange – das Nichts?
Aber woher kommt das Etwas, das Leben? Auch wenn es fast so aussieht, als hätte die Schlange es eben erst ausgespuckt, so wesensverwandt scheinen sich die beiden blinden (!), nicht nur zueinander- sondern, wie man sehen kann, sogar »ineinanderpassenden« Tiere zu sein – das »arme« und »hilflose« Mäuslein hat offenbar jemand zur Schlange in den Käfig gelegt. Wer? Der Künstler. Für den nun das Adjektiv »grausam« zuträfe. Aber angenommen, die angerissenen symbolischen Deutungen wären »richtig« und »beabsichtigt«, was will der Künstler uns mit seiner »Grausamkeit« zeigen? Er ist »verantwortlich« für den Vorgang, den wir betroffen mitverfolgen, für die Einsicht, die dies eventuell produziert. Er hat ein Leben dafür »geopfert«. Ein ganz junges, ein fast noch ungeborenes. Ob diese »Brutalität« dadurch ansatzweise gerechtfertigt ist, weil sie eine genaue Darstellung derjenigen Brutalität liefert, die künstlerisches Tun impliziert? Der Künstler als »Schaffender«, als creator, setzt »opferwillig« etwas Lebendiges in die »Welt«: unbeholfen, hilflos und blind um sich tapsend, weiß das so Geschaffene nicht, wo es sich befindet, was es dort soll, wie es »aufgenommen« werden wird. Es sucht eine Mutter, es sucht Nahrung, Liebe, Aufnahme. Aber keine Sorge, es wird seine Bestimmung finden: in der unmittelbaren, unvermeidlichen und unaufhaltbaren Aufnahme (»Rezeption«) im Bauch gewordenen Nichts, in seinem untraumatischen Verschwinden in den langen Windungen eines vernichtenden Körpers ohne Ausgang. Der »Opfertod« der Maus ist sinnlos und grausam, weil der Künstler den Mut hat (uns und sich) zu zeigen, wie sinnlos und grausam sein eigenes Tun ist.
Und doch: das ist natürlich viel zu viel hineingedeutetes Pathos; das ist fragwürdige Mystik eines archaischen Opferrituals. Als Vorbeugung gegen das völlige Abrutschen ins Symbolisch-Tiefsinnige sehe ich den die Video-Vorführung kontrapunktierenden Käfig auf der anderen Raumseite, in der sich offenbar – wie man erst suchen und erraten muß – die »echte« Schlange aus dem Video im Schatten einer Holzwurzel ringelt. Die Realität bringt die aufgeladene Symbolik der Filmfiktion auf das rechte Maß herunter: man erkennt, fast enttäuscht, daß die voyeuristische Nahaufnahme uns ein viel größeres, viel zu großes Tier vorgeführt hatte. Das angebliche »Nichts«, das Symbol vernichtender Sinnlosigkeit, ist, bei tropisch warmem Neonlicht besehen, ein harmloses Schlänglein. Fast möchte man es sich in seiner geschmeidigen Eleganz um den Hals legen und als Schmuck mit herumtragen. Und doch: man ahnt, sie kann auch anders. Sie »steht« auch für anderes. Sie verbirgt etwas. Sie hat es »in sich«. Unter anderem: ein kleines, unschuldiges, neugeborenes Mäuschen.
Als Kind hatte man es noch geglaubt: daß man »bei lebendigem Leib« aufgefressen und doch gerettet werden kann: Rotkäppchen oder die Geisslein oder die Ente (bei Prokofjew) jeweils im Bauch des Wolfes, Jonas (und Pinocchio) in dem des Wals … Aber ist der Glaube an das Weiterleben nach der Geburt nur ein Märchen? Wo sind wir, wenn uns das Nichts verschlungen hat, kaum daß wir die ersten hilflosen Schritte machen konnten? Wann wird uns die große Schlange des Daseins wieder ausspeien? Kommen wir erst wieder zur Welt … zum Sterben?
Die Schlange, Symbol des ewigen Alles, des ewigen Nichts, versteckt sich hinter ihrer rätselhaften Körperlichkeit und hüllt sich in abweisend züngelndes Schweigen. […]

Dr. Joachim Landkammer Fakultät für das Studium fundamentale, Private Universität Witten/Herdecke